ONE OK ROCK - 35xxxV

review - 10.01.2017 05:00

Wieder einmal steht ein neues Album der japanischen Superstars vor der Tür. Wir von JaME haben dies zum Anlass genommen, um auf den Vorgänger "35xxxV" zurückzublicken.

Künstler: ONE OK ROCK
Titel: 35xxxV
Typ: Album
Stil: Rock, Post-Hardcore
Veröffentlichung: 11.02.2015
Wertung: 5 / 10

Tracklist:
1. 3xxxv5
2. Take Me to the Top
3. Cry Out
4. Suddenly
5. Mighty Long Fall
6. Heartache
7. Memories
8. Decision
9. Paper Planes (feat. Kellin Quinn)
10. Good Goodbye
11. One by One
12. Stuck in the Middle
13. Fight the Night


ONE OK ROCK (OOR) sind so etwas wie das Epitom der auch in Übersee erfolgreichen, japanischen Rockband. Seit ihren ersten Übersee-Konzerten im Rahmen der "Jinsei-x-Boku"-Tour, beehren die vier Japaner regelmäßig den europäischen sowie den amerikanischen Kontinent und finden spätestens seit der Teilnahme an der Vans Warped Tour 2014 weltweit Beachtung als gestandene Rockband. Mit neuem Selbstvertrauen ausgestattet, nahm das Quartett ihren 2015er Output "35xxxV " daraufhin nicht nur im klassischen englisch-japanischen OOR-Stil auf, sondern auch komplett auf Englisch, um endgültig das Tor zum amerikanischen Mainstream-Markt aufzustoßen. In Anbetracht des bevorstehenden, neuen Album-Release, blicken wir von JaME zurück und haben uns, ganz im Dienste der japanischen Musik, die englisch-japanische Fassung des Werkes mit dem interessanten Namen zu Gemüte geführt. Wie sich dieses im Vergleich zu den vorherigen Platten schlägt, erfahrt ihr in den folgenden Absätzen in aller Ausführlichkeit.

Was haben uns OOR nicht schon für wunderbare Songs beschert? Bis heute erinnert man sich gerne an all die tollen Rock-Stampfer mit Hausparty-Potenzial wie "No Scared" oder "Never Let it Go". Und dass sie anno 2015 noch wissen, wie man solche Songs schreibt, deuten die Japaner gleich mit dem schnellen "Take Me to the Top" an, welches unvermittelt und ausgestattet mit prägnanten Gitarren-Leads aus den Boxen wirbelt. Andeutung ist allerdings hierbei das Stichwort, denn zwischen Theorie und Praxis, zwischen Wunschdenken und Realität, klafft auf "35xxxV" eine erhebliche Lücke. Denn in der Theorie ist "35xxxV" ein mehr als solides Album, welches alle Eigenschaften eines guten Rock-Outputs im Jahre 2015 in sich vereint und der logische Nachfolger von "Jinsei x Boku" ist. In der Praxis jedoch verlieren OOR viel von der eigenen Identität und klingen nach einer x-beliebigen amerikanischen Rockband. Doch woran liegt das?

Nach den kantigen Rocksongs wie "Deeper Deeper", die Platten früherer Tage so unberechenbar und gut machten, sucht man auf der Scheibe vergeblich. Vielmehr wendet sich "35xxxV" dem klassischen Stadionrock zu, versucht groß und euphorisch zu wirken und mit mächtig eingängigen Melodiebögen zu punkten anstatt mit kleinen Details. Und das ist keineswegs als Vorwurf zu verstehen, denn wie gut diese Rechnung aufgehen kann, zeigt das schlicht geniale "Mighty Long Fall". Mit einem Stadionrefrain zum Zunge schnalzen und der mutigen Fokussierung auf elektronische Elemente, mausert sich die vorab veröffentlichte Single schnell zum besten Song des Albums. Seinen Beitrag hierzu leistet nicht zuletzt die starke und klare Produktion, welche "35xxxV" einen sehr guten Gesamtsound beschert.

Leider treibt diese den Songs aber auch jegliche Kanten aus und versucht sie in ein massentaugliches Format zu pressen, womit wir bei der großen Schwäche des Albums angelangt wären. Dieses wirkt nämlich, als hätten OOR zwanghaft versucht eine CD zu schaffen, die sich möglichst gut in westlichen Gefilden verkauft. So liefert OOR mit Songs wie "Decision", "Memories" oder auch "Suddenly" astreinen amerikanischen Mainstream-Rock ab. Nur eben lange nicht so gut, wie die im Land des Rock'n Rolls heimische Konkurrenz. Songs wie "Fight the Night" oder das schon angesprochene "Take Me to the Top" klingen genau so klischeebeladen, wie die schon zu oft im Radio gehörten Lyrics. Was fehlt ist das Besondere. Das Gefühl der Rebellion, greifbare Emotionen oder dieser eine musikalische Moment, wie die lässig geslappte Basslinie des Klassikers "Jibun Rock", der einen dazu bringt urplötzlich wieder ordentlich in die Saiten der heimischen Luftgitarre zu greifen. So klingt "35xxxV" seelenlos und leer. In der Konsequenz nutzen sich die Lieder schnell ab. Immer wieder erwischt man sich dabei wie man wieder einen Song zur Hälfte überspringen möchte. Diese traurige Tatsache gewinnt umso mehr an Gewicht, wenn man sich vor Augen führt, welches Potenzial auf "35xxxV" schlummert.

Denn in fast jedem Song auf dem siebten Album des Quartetts gibt es mitreißende Momente, die einen dann doch aufhorchen lassen. Das Momente alleine allerdings noch lange keinen Hit machen, merkt man vor allem am ebenfalls als Single ausgekoppelten "Cry Out", welches sich selbst, anhand seines müden Refrains, den so mühsam aufgebauten Spannungsbogen zerschießt. Hätte man sich an der ein oder anderen Stelle getraut, mehr Reibungsfläche zu zeigen, dann wäre aus so manchen Lied vielleicht tatsächlich ein richtig guter Track geworden. Und dann wären da ja noch die inflationär eingesetzten Stadion-Chöre, welche in jedem zweiten Song ihre Aufwartung machen. Diese mögen live vielleicht ganz nett anzuhören sein, wirken auf Platte aber völlig fehl am Platz und einfallslos.

Ganz dem Motto "Weniger ist manchmal mehr" folgend hat "35xxxV" nämlich genau dann seine guten Momente, wenn sich die Japaner von ihrer kantigen und wilden Seite zeigen und unnötige Effekthascherei und Anbiederung außen vor lassen. So gehört in den wirklich nach OOR klingenden "Stuck in the Middle" und "One by One". Ebenfalls erwähnenswert ist die schöne Ballade "Heartache", welche zwar im Schatten der Ausnahmeballade "C.h.a.o.s.m.y.t.h." steht, aber nichtsdestotrotz ein gelungenes Lied darstellt. Mangelnde Experimentierfreudigkeit kann man OOR trotz allem nicht vorwerfen, denn "35xxxV" ist eine Weiterentwicklung, auch wenn sie nicht jedem gefallen mag. So wie das kontrovers diskutierte Duett "Paper Planes" mit Sleeping with Sirens-Sänger Kellin Quinn und der völligen Abkehr von der klassischen Rockmusik. Bei solchen Experimenten ist man als konservativer Rock-Fan immer ein bisschen skeptisch, doch überraschenderweise funktioniert der Song richtig gut. Schade nur, dass "Paper Planes" eher nach einem Sleeping with Sirens featuring Taka klingt, denn dieser Song würde sich nahtlos in viele Werke der Kapelle aus Florida einfügen.

Fazit: Entgegen dem vielleicht entstandenen Eindruck ist "35xxxV" beileibe kein schlechtes Album. OOR tauschen ihren prägnanten, oft kantigen Rock gegen einen glatten, leicht zugänglichen Stil ein, welcher sich perfekt für angehende Rockfans eignet. Doch leider klingt "35xxxV" dabei in allen Belangen wie eine durchschnittliche, amerikanische Rock-Veröffentlichung, ohne jemals eine wirklich eigene Identität zu entwickeln. So stellt man sich als Fan der alten Tage letztlich doch die eine Frage: Wo sind die fetzigen Refrains eines "Kanzen Kankaku Dreamer" oder "Re:make", wo die Songs mit krassem Bewegungspotenzial wie "Deeper Deeper" oder "No Scared", wo die Melodien zum Niederknien wie in "C.h.a.o.s.m.y.t.h."? Langzeitanhängern dürfte "35xxxV" somit zu seicht sein, denn bis auf "Mighty Long Fall" fehlt es an Highlights und Wiederhörpotenzial. Wer allerdings einfach nur nach einem schnellen Rock-Album für Zwischendurch oder als Hintergrundbeschallung sucht, kann mit "35xxxV" nicht viel falsch machen. Und wie immer gilt natürlich: Hört einfach mal rein und macht euch selbst ein Bild!

items
künstler
Kommentare
blog comments powered by Disqus
X JAPAN Wembley Ads
anzeigen
  • X JAPAN Wembley Ads