Versailles - The Greatest Hits 2007-2016

review - 28.02.2017 05:00

Schaffen es die besten Songs des Visual-Kei-Quintetts Versailles einen bisher jungfräulichen Redakteur zu überzeugen? Wir haben das Experiment für euch gewagt.

Künstler: Versailles
Titel: The Greatest Hits 2007-2016
Typ: Best-of-Album
Stil: Visual Kei, Power Metal, Symphonic Metal
Veröffentlichung: 14.09.2016

Tracklist:
1. Melodic Thorn ~Bi no Bouryoku~
2. The Revenant Choir
3. ASCENDEAD MASTER
4. Shout & Bites
5. DESTINY -The Lovers-
6. The Love from a Dead Orchestra
7. zombie
8. After Cloudia
9. Serenade
10. MASQUERADE
11. Philia
12. Aristocrat's Symphony
13. Chandelier

Anmerkung: Bei diesem Bericht handelt es sich um einen subjektiven Erfahrungsbericht. Es wurde keinerlei Wert auf Objektivität gelegt.

Neun Jahre Visual Kei hören und dabei noch nie einen einzigen Ton von Versailles gehört zu haben, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Schließlich gibt es kaum eine Band aus dem kleinen Untergrundgenre, welche sich auch außerhalb Japans so großer Beliebtheit erfreuen darf wie das nach dem wunderschönen Schloss benannte Quintett. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, habe ich von jeher einen großen Bogen um die Formation des Ex-LAREINE-Sängers KAMIJO gemacht. Ende 2016 trudelte schließlich das neu erschienene Best-Of Album der Jungs bei uns in der JaME-Redaktion ein und meine Wenigkeit, ob des Geständnisses nun besser bekannt als der redaktionelle Kulturbanause, wurde mit aller Gewalt vor die Boxen gezerrt. Was dabei herausgekommen ist? Der Bericht einer Erstbegegnung. Aber lest selbst:

Schon während meine wohlbehütete Enthaltsamkeit durch die ersten Töne des Songs "Melodic Thorn ~Bi no bouryoku~" ein jähes Ende findet, bestätigt sich mein vielleicht größtes Vorurteil: Versailles klingen wie sie aussehen. Das Quintett verbildlicht seinen musikalischen Stil perfekt in den opulenten, nahezu kitschigen Gewändern, die mir einem romantisierten Ideal des französischen Barocks nachempfunden zu sein scheinen. Und so ist auch der Opener ein epischer Power-Metal-Song, der nur allzu bezeichnend dem dramatisch in Szene gesetzten Orchester eine große Bedeutung zuspricht. Was mich in den ersten Minuten dieses Albums vornehmlich gefangen nimmt, ist KAMIJOs tiefe Stimme, welche zwar offensichtlich einen künstlichen Halleffekt verpasst bekommen hat, dadurch aber nichts von ihrer Faszination verliert. Wer mit gestandenen 42 Jahren und gut 20 Jahren im Visual-Kei-Geschäft noch so klingt, verdient ohne Frage Respekt.

Ansonsten will der Funke allerdings noch nicht ganz überspringen. Weder der Opener, noch das nachfolgende "The Revenant Choir" schaffen es, in mir so etwas wie Begeisterung zu wecken. Zu vorhersehbar die Songstrukuren, zu belanglos die Gitarrenriffs, so dass mir nicht mehr als ein anerkennendes Schulterzucken und der Griff zu einem Stück Schokolade bleibt. Irgendwie muss man sich ja die Zeit versüßen. Ganz anders hingegen "ASCENDEAD MASTER". Erstmals darf sich das synthetische Orchester so richtig austoben, was dem Song deutlich mehr Tiefe verleiht, als noch den oberflächlichen Vorgängern. Ende des Deliriums, die Sache beginnt interessant zu werden. Sieht man vom trashigen Titel (Grüße an dieser Stelle an die Scare Force One in Finnland) ab, schafft es der Song endlich, Kitsch und Metal zu einer funktionierenden Einheit zu verschmelzen.

Für Abwechslung sorgt das nicht einmal vier Minuten lange "Shout & Bites", das überraschend nicht nur Visual-Kei-Strukturen in den Vordergrund stellt, sondern sich direkt mit dem prägnanten Refrain in mein Herz spielen kann. Das kompaktere Format tut dem Song spürbar gut, offenbart mir aber auch warum es mir, trotz aller musikalischer Finesse der Japaner, nicht gelingen will, wirklich warm zu werden. Mit fortschreitender Spieldauer ertappe ich mich immer wieder bei Versuchen die Zeit anderweitig totzuschlagen. Fesseln kann mich die CD an diesem Punkt schon lange nicht mehr. Gefühlt wiederholen Versailles einfach Altbekanntes immer wieder aufs Neue. "MASQUERADE", "Philia" und "Aristocrat's Symphony" arbeiten jeweils nach ein und dem gleichen Prinzip. Selbst die Liedlänge der einzelnen Songs unterscheidet sich kaum, wobei diese meiner Meinung nach in den meisten Fällen ohnehin zu lang geraten ist. Versailles Songs ufern regelrecht aus und versuchen Epik durch Länge zu erzwingen. Einen Mehrwert erbringt dies in den meisten Fällen nicht und viele Stücke, wie das gegen Ende ziellos dahintreibende "The Love from a Dead Orchestra", wären mit einer kürzeren und kompakteren Version besser beraten gewesen.

Aber nicht alles auf dem Best-Of des Quintetts präsentiert sich als überlanger Einheitsbrei. Begeistern kann mich vor allem das ungemein optimistische "After Cloudia", welches einen willkommenen und gut gelungenen Stimmungswechsel darstellt. Und auch der letzte Song, das neu aufgenommene "Chandelier", lässt mich die Ohren spitzen und beendet das Album als wirklich atmosphärisches Highlight. Versailles in Perfektion. Nur die überlangen Gitarren-Soli, welche an der Grenze zur eitlen Selbstdarstellung kratzen, halten mich davon ab diesen Song direkt noch einmal abspielen. Dafür muss man als Versailles-Fan wohl einfach eine Faible besitzen.

Fazit: Nach knappen 80 Minuten ist die Platte an ihrem Ende angelangt und auch ich habe mich, nicht zuletzt durch "Chandelier", mit Versailles versöhnen können. Anfreunden werde ich mich mit dieser Art von Musik aber wohl trotzdem nicht können, doch muss ich meinen Hut ziehen vor der grandiosen Umsetzung des selbstgesteckten Konzepts. Selten vertont, kann ich nachvollziehen woher die Faszinationen für diese japanische neoklassizistische Metalband rührt. Für mich mag es nichts gewesen, doch vielleicht ist genau das richtige für dich, lieber Leser. Hör doch einfach mal rein und schreibe mir deine Meinung zu Versailles in die Kommentare.
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