Interview mit MIYAVI in Berlin

interview - 12.07.2017 10:00

MIYAVI spricht über das Duett von Gitarre und Stimme.

Zwei Stunden vor der abschließenden Show seiner World Tour 2017 "Firebird" sprach JaME Germany mit MIYAVI über seine Eindrücke von der Tournee und die Botschaft des neuen Albums. Das Gespräch erwies sich als ein bisschen philosophisch, optimistisch und sehr lebensbejahend!


Hallo MIYAVI! Danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Wie läuft denn der europäische Teil der World Tour 2017 "Firebird"? Gibt es irgendwelche Highlights, die diese Reise für dich besonders gemacht haben?

MIYAVI: Es war toll, echt super, super toll. Ich denke, es ist mein sechstes oder siebtes Mal in Europa. Vor allem jetzt, wo ich in vier deutschen Städten spiele. Jedes Mal, wenn ich zurückkehre, freuen sich die Menschen über unseren Besuch. Bevor diese Tournee startete, war ich ziemlich nervös. Wir haben vorerst in den Staaten gespielt, und dann ging es nach Europa. Wir spielen ein neues Set und neue Songs. Die meisten Titel des aktuellen Sets sind neu, deswegen war ich mir nicht sicher, ob das Publikum das Konzept mögen wird. Die Reaktionen und das Feedback sind aber fantastisch. Man kann es an den Vibes sehen. Ich spüre, dass das Publikum und wir zusammen das nächste Level erreichen und das bedeutet wohl, dass wir einer neuen Zukunft entgegen gehen.
Was die Highlights angeht ... vielleicht kann ich da London nennen. Zuvor hatten wir eine tolle, verrückte Show in Paris. Dann war der Gig in London dran. Ich hätte niemals gedacht, eine echt HEISSE Show in London zu spielen, weil London einfach nur anders ist, die Menschen sind anders, viele große Bands stammen aus London, also sind die Menschen, ... nennen wir es mal anspruchsvoll. Diesmal war es aber verrückt. Wir hatten eine unglaubliche Zeit da und diese Show wurde zu einer echten Errungenschaft dieser Tournee. Und dann die vier Städte in Deutschland. Es ist mir ein Vergnügen, wieder hier zu sein!

Es ist fast zwei Jahre her, dass du zum letzten Mal in Deutschland warst. Damals hast du in Köln gespielt. Es ist wunderbar, dass du dieses Mal dem Tourplan weitere deutsche Städte hinzugefügt hast.

MIYAVI: Ja, aber es ist eine Sache von Timing und es hängt von lokalen Promotern ab. Wir können keine Location selbst buchen. Aber diesmal hatten wir Glück und fanden einen guten Promoter, der sehr enthusiastisch in Bezug auf die MIYAVI Konzerte war. Alles hat super geklappt.

Lass uns über das neue Album "Firebird" sprechen. Die Platte enthält viele großartige Synthie- und Elektro-Sounds, die das Album sehr dynamisch und discomäßig machen. Was hat dich dazu bewogen, dich bei deinem neuen Werk für diese Richtung zu entscheiden?

MIYAVI: Na ja, es ist immer noch in einer Art Übergangsphase, auf dem Weg zum nächsten Level. Wir experimentieren immer gerne, und meine Rolle dabei ist, die Begeisterung für Rock und Gitarrenmusik zurückzubringen. Aber wenn ich mit einer normalen Band spiele, gibt es quasi weder Chemie noch Überraschung. Ich will die Menschen aber überraschen, will meine Begeisterung mit dem Publikum teilen. Und ich möchte die Menschen mit meiner Gitarre zum Tanzen bringen. Das ist meine Grundmotivation und ich finde, daher ergibt es durchaus Sinn, das Ganze mit Dance Music zu mischen.

"Firebird" erinnert an Phoenix, der aus der Asche aufersteht. Das Cover-Artwork und das Musikvideo zum Titelsong suggerieren dies auch. Gab es eine Art Wiedergeburt oder einen neuen Schritt in deinem musikalischen Leben, die sich auch im aktuellen Album widergespiegeln?

MIYAVI: In seinem Leben wird man mit vielen Hindernissen konfrontiert und als ich vor drei Jahren nach LA gezogen bin, war fast tot. Da bot sich mir die Möglichkeit, in dem Film "Unbroken" von Angelina Jolie mitzuspielen. Ich hab von ihr vieles gelernt, ich respektiere sie sehr und war auch inspiriert. Also ich zog nach LA, um mich um den globalen Markt zu kümmern. Aber die Kultur und die Sprache – alles ist so extrem anders. Ich hatte sehr mit mir zu kämpfen, ich hatte nicht mal Lust Gitarre zu spielen oder die nächsten Schritte vorwärts zu machen. Dieses Album gab mir aber eine Gelegenheit, mit der Gitarre zu singen. Es ist wie Schwingen für mich, mit denen ich wieder fliegen kann. Solange man nicht seinen Lebenssinn und seine Träume verliert, oder irgendetwas anderes, an das man glaubt, kann man wieder zurückkommenn, wieder auferstehen, wieder und wieder. Das ist die grundlegende Botschaft dieses Albums und ein sehr bedeutungsvoller und wichtiger Gedanke.

Du hast "Unbroken" erwähnt, ich habe den Film vor einigen Monaten gesehen und war sehr beeindruckt, wie du deinen Charakter dargestellt und wie du seine Natur mit dem Blick ausgedrückt hast.

MIYAVI: Ich hätte es nie allein geschaft. Angie und das ganze professionelle Team haben mich sehr inspiriert.

Nun aber wieder zur Musik. Im Internet kursieren viele Definitionen zum "alten MIYAVI Sound" und zum "neuen MIYAVI Sound". Wie findest du solche Unterscheidungen?

MIYAVI: Selbst wenn ich die alten Tracks neu aufnehmen würde, könnte ich sie nicht besser machen, denn das Original ist einerseits immer am besten, andererseits sind damit bereits Erinnerungen verknüpft. Als Künstler empfinde ich es als meine Pflicht, mich weiterzuentwickeln. Vielleicht bin ich gar nicht so professionell in diesem Sinne, ich bin zu menschlich, zu ehrlich mit meinen Gefühlen. Ich denke, es ist das Privileg eines Solo-Künstlers. So machten Jetpack, Lenny Krawitz und sogar Michael Jackson es auch. Wir haben einerseits mehr Verantwortung, aber gleichzeitig haben wir auch mehr Freiheit. So etwas ist also unvermeidbar, da kommt man nicht drumherum. Aber ich denke auch nicht, dass es etwas Schlimmes ist, weil es wichtig ist, sich zu verbessern und weiterzuentwickeln. Ich fühle, wie wir die Zukunft erschaffen können.

Gibt es irgendwelche Geschichten hinter einem der "Firebird"-Titel? Vielleicht irgendein Erlebnis oder Geschehnis, das du unbedingt durch einen Song mitteilen wolltest?

MIYAVI: Ja, bei "Long Nights". Es ist das erste Lied, das ich für das neue Album geschrieben habe, nachdem ich aus den Flüchtlingslagern im Libanon zurückgekommen bin. Dank Angie hab ich mit dem UNHCR gearbeitet, dem Teil der UN, der sich mit der Flüchtlingskrise befasst. Ich war sehr nervös und war mir nicht sicher, was ich tun muss, schließlich bin ich nicht so berühmt wie Angie. Als ich aber anfing Gitarre zu spielen, waren die Kinder begeistert und sind total aus sich herausgekommen. Nach meiner Rückkehr aus dem Lager hab ich eine Mail vom UNHCR bekommen. Sie schrieben, dass einige Kinder den Wunsch geäußert hätten, Rockstars werden zu wollen. Da habe ich die Kraft der Musik direkt gespürt. Es war, als ob ... als ob ich als Musiker mehr machen kann. Und außerdem wurde auch ich inspiriert. Auch mir fällt es mitunter schwer, wieder aufzustehen. Manchmal ist es schwer, der Welt zu begegnen. Manchmal kann man nicht mal aus dem Bett aufstehen, aber man weiß, dass es auch nicht ewig so weitergehen kann und man früher oder später einen Schritt wagen muss. Aber solange man weiß, dass es ein Morgen geben wird, gibt es auch Hoffnung. Solange du weißt, was du sehen kannst, welche Szenerien du sehen kannst, kannst du aufstehen und zu einer "Long Night" gelangen. Dies ist also die Botschaft, eine sehr persönliche Botschaft. Deswegen möchte ich dieses Lied jedem einzelnen Flüchtling widmen, jedem Menschen, der aus seiner Heimat fliehen musste.

Es gab übrigens eine Fanfrage an dich, die in eine ähnliche Richtung geht. Die Frage war, wie du reagieren würdest, wenn du erfährst, dass du jemanden im kreativen Sinne inspiriert hast. Mit der Geschichte von den Flüchtlingskindern im Libanin hast du allerdings schon darauf geantwortet. Hast du denn ein Lieblingsinstrument neben der Gitarre? Wenn es nicht die Gitarre wäre, welches Instrument würde auf deinen Platten dominieren?

MIYAVI: Das Mikrofon. Ich würde mehr singen, würde mehr Zeit in den Gesang investieren. Ich finde, die Stimme ist eine sehr direkte Ausdrucksweise. Ich widme aber meiner Gitarre mehr Zeit, deswegen versuche ich, mit der Gitarre zu singen. Es ist ein Pfad, den ich für andere Gitarristen schaffe. Es ist sehr wichtig und meine Mission: Für jeden Gitarristen den Weg zu ebnen.

Vielen Dank für dieses Interview. Richte bitte abschließend ein paar Worte an unsere JaME-Leser!

MIYAVI: Wir schätzen eure Unterstützung und es ist wunderbar, eine Gemeinde von Menschen zu sehen, die andere Kulturen unterstützen und genießen. Als Japaner bin ich immer so froh in dieses Land zurückzukehren. Es ist meine Aufgabe, die Barrieren und Grenzen zu durchbrechen, es ist aber zugleich auch UNSERE Aufgabe, da ich das alleine nicht schaffen kann. Mit EUCH, mit eurer Unterstützung, weiß ich, dass ich es schaffen kann. Deswegen slappe ich die Saiten und verbreite meine Message in der Welt. So winzig sie in diesem Augenblick auch sein mag, wenn wir uns Mühe geben, können wir sie auch größer machen. Ich würde es wirklich zu schätzen wissen.


JaME bedankt sich bei HEAD OF PR für die Möglichkeit, dieses Interview durchzuführen.
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