Kanon Wakeshima - Shinshoku Dolce

review - 23.04.2009 19:04

Kann das Album halten was die Singles versprachen?

Künstler: Kanon Wakeshima
Titel: Shinshoku Dolce
Typ: Album
Stil: Klassik, Elektronik, Ambient, Pop
Veröffentlichung: 11.2.2009

Nach den beiden bezaubernden und erfolgreichen Singles "still doll" und "Suna no oshiro" präsentiert Kanon Wakeshima nun ihr Debütalbum, "Shinshoku Dolce". Der Titel bedeutet so viel wie "süsse Entweihung" und steht für die Welt aus mädchenhafter Reinheit und Unschuld einerseits und dunklem Gothic andererseits, die die junge Cellistin erschaffen möchte. Das Album enthält 13 Tracks, einschliesslich der beiden Singles und deren B-Seiten. Alle Songs wurden von Mana (Moi dix Mois) geschrieben, während Kanon für Texte, Gesang und Cello verantwortlich ist.

Wir fragten uns gespannt: können die Albumtracks mit dem hohen Standard, den die Singles setzten, mithalten? Wie harmonisch stehen melancholische und dramatische Songs wie "still doll", "Suna no oshiro" und "Kuroi torikago" neben fröhlichen wie "skip turn step♪"? Und wie gut gelingt es Mana, den das japanische Musikmagazin Fool's Mate "Herrscher der Finsternis" nannte, Reinheit und Unschuld musikalisch umzusetzen?

Der Opener, das Instrumentalstück "sweet ticket", ist ein langsamer Walzer mit Jahrmarktsatmosphäre. Kanons Cello wird von Synthesizer und Schlagzeug im Marschrhythmus begleitet, die eine nostalgische Stimmung wie in einer Kindheitserinnerung erschaffen.

Dies wird gefolgt von "Shinku No Fatarythm", einer gewagten Mischung aus lebhaftem Elektropop und klassischen Elementen. Der Song beginnt mit einem dramatischen Celloakkord und entwickelt sich dann zu einer beschwingten Popnummer mit interessanten Tempowechseln und einer anmutigen Melodie. Kanons eindringlicher Gesang wechselt sich mit ihrem Cello ab, das hier prominenter zum Einsatz kommt als in allen anderen Songs des Albums.

Die Stimmung bleibt lebhaft mit "Kagami", in dem sich Violinen zu Kanons Cello gesellen und das noch häufigere Tempowechsel aufweist als "Shinku No Fatarythm". Der sanfte, verspielte Sound von Pizzicato-Streichern und Glockenspiel wechselt immer wieder mit Kanons Cello und Gesang ab, der leise beginnt und dann im Refrain dramatischer wird. Der Text des Songs scheint von dem Märchen Schneewittchen inspiriert zu sein, denn er spricht von vergifteten Äpfeln und einem Spiegel, der Kanons Seele reflektiert.

Die Album-Version von "still doll" ist der Single-Version sehr ähnlich; der einzige Unterschied ist, dass Kanon einmal den Refrain singt und erst dann zur bekannten Fassung des Songs übergeht.

Mit "Maboroshi" wechselt die Atmosphäre von melancholisch und gruselig zu einem luxuriösen 60er Jahre Feeling. Kanons helle Stimme wird von glitzernden Synthesizerflächen und einem Vibraphon begleitet, während sich ihr Cello elegant durch das Hauptthema schlängelt. Kompositionstechnisch ist dieser sanfte, charmante Song völliges Neuland für Mana, würde sich jedoch durchaus harmonisch in Malice Mizers "Voyage ~sans retour~" Album einfügen.

"Ennui Kibun!", eine sprudelnde, avantgardistische Elektopopnummer mit allen möglichen versponnenen Soundeffekten ist sogar noch weiter von Manas üblichem Repertoire entfernt: es fällt schwer zu glauben, dass er tatsächlich etwas so schamlos mädchenhaftes und niedliches geschrieben hat! Kanons gehauchter Gesangsstil ähnelt hier dem von Emilie Simon, einer ihrer Lieblingskünstlerinnen, aber mit ihrem Cello beansprucht sie den Song unmissverständlich für sich selbst.

Die Stimmung des Albums wechselt erneut drastisch mit dem dunklen und dramatischen "Suna no oshiro", gefolgt von der aufwühlenden Ballade "Monochrome frame". Kanons sehnsüchtiger Gesang wird von Synthesizer und anmutig ondulierenden Violinen untermalt und gelegentlich setzt eine Kirchenglocke Akzente.

In "L'espoir ~Mahou No Akai Ito~" kehren die Pizzicato-Streicher zurück und mit ihnen eine leichtere, unbeschwertere Atmosphäre. Wie schon "Kagami" hat auch dieser Song eine symphonische Qualität und wechselt zwischen leisen, bedeutungsschwanger klingenden Passagen und einem eindringlicheren Refrain. Die Melodie klingt jedoch völlig anders, ebenso wie Kanons Gesangsstil, der hier kindlicher wirkt. Die heitere Stimmung von "L'espoir" wird sogleich von dem düsteren und dramatischen "Kuroi torikago" ausgelöscht, um dann in "skip turn step♪", dem fröhlichsten Song des Albums, mit Nachdruck zurückzukehren.

In "Shiroi Kokoro" wird Kanon nun wieder nachdenklich. Der Song beginnt wie eine Ballade, wobei nur Piano und Cello ihre melancholische Stimme begleiten, wird dann aber lebhafter als im Refrain erneut die Pizzicato-Streicher einsetzen. "skip turn step♪" mag mehr zum Mitsingen animieren und "Shinku No Fatarythm" vom Hörer mehr Aufmerksamkeit fordern, aber wie alle Songs des Albums ist auch "Shiroi Kokoro" makellos in Arrangement und Ausführung und fängt geschickt die Stimmung der Lyrics ein. Zu guter Letzt schliesst sich der Reigen mit "sweet dreams", einer Spieldosenversion des Openers "sweet ticket".

Im Artwork wird das Spieldosenthema erneut aufgegriffen: es ist ganz in rot und weiss gehalten und zeigt Kanon in verschiedenen Situationen, sowie eine Spieldose in Form eines Karussells. Ausserdem bekommen wir einige von Kanons Zeichnungen zu sehen: eine kleine Katze im CD-Booklet und ein Karussellpferd unter der CD. Die europäische Version enthält zudem noch ein Booklet mit englischen Übersetzungen, die helfen, die Ideen zu verstehen, die den Songs zugrunde liegen, und zeigen, dass Kanon eine intelligente und originelle Texterin ist.

Gute Nachrichten auch für diejenigen, die auf Kanons aufwändig produzierte Videoclips gewartet haben: der Limited Edition von "Shinshoku Dolce" liegt eine Bonus-DVD mit den Videos zu "still doll" und "Suna no oshiro" bei. Beide Videos sind wunderschön fotografiert und Bild- und Tonqualität sind ausgezeichnet.

Fazit: "Shinshoku Dolce" ist ein rundherum gelungenes Album, randvoll mit schönen Melodien. Es gibt kein Füllmaterial; jeder Song hat seinen eigenen, unverwechselbaren Charakter und Mana hat die ihnen innewohnenden Emotionen mit grossem Feingefühl herausgearbeitet. Indem er verschiedene Musikstile wie Klassik, Ambient, Elektro und Pop miteinander verband, hat er ausserdem einen einzigartigen Sound geschaffen, der Kanons komplexe Persönlichkeit und phantasievollen Texte perfekt zum Ausdruck bringt. Zwar wird er als Producer zurücktreten, um mehr Zeit für Moi dix Mois zu haben, doch wird er auch weiterhin Musik für Kanon schreiben. Hoffen wir also, dass uns dieses grossartige Team noch viele weitere Releases bescheren wird! (9,5/10)
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