Exklusives Interview mit Kanon Wakeshima

interview - 07.04.2009 14:00

Am Vortag ihres Showcase im FNAC Plattenladen interviewte JaME die junge Musikerin in ihrem Hotel in Paris.

Anlässlich der Veröffentlichung ihres Debutalbums "Shinshoku Dolce" in Frankreich reiste Kanon Wakeshima zusammen mit ihrem Mentor und Producer Mana nach Paris. Neben einem Livekonzert in La Bellevilloise und einem Showcase im FNAC Plattenladen auf der Champs-Élysées setzte sich Kanon mit JaME zu einem ausführlichen Interview über Frankreich, ihren musikalischen Werdegang und ihr neues Album zusammen. Mit dem ihr eigenen unkomplizierten Charme offenbarte sie aufschlussreiche und nachdenkliche Details über sich selbst.

Hallo! Könntest Du Dich bitte denjenigen Lesern, die Dich noch nicht kennen, vorstellen?

Kanon Wakeshima: (auf Französisch) Ich heisse Kanon Wakeshima und spiele seit meinem dritten Lebensjahr Cello. Mein Hobby ist Zeichnen. Mein Leibgericht ist Spaghetti. Ich liebe Katzen; meine ist schwarz ...desu! (Sie beendete den Satz mit dem Wort "desu", das im Japanischen oft am Ende eines Satzes vorkommt, und sorgte damit für allgemeines Gelächter.)

Wie hast Du Mana kennen gelernt?

Kanon Wakeshima: Naja, ich habe an einem Talentwettbewerb für Sänger unter zwanzig Jahren teilgenommen, der von Sony veranstaltet wurde. Ich habe ein Demotape eingeschickt, auf dem ich gesungen und dabei Cello gespielt habe, und so wurde ich entdeckt. Ich hatte das Glück, aufgrund meiner Originalität unter den Kandidaten ausgewählt zu werden. Zu dem Zeitpunkt suchte Mana-sama gerade nach einem jungen Sänger, um ihn zu produzieren, und er wurde von dem Cello inspiriert. So entstand diese originelle Mischung aus Popmusik und Cello. Mana-sama nahm mich unter seine Fittiche und begann, meine Karriere aufzubauen.

Warum wolltest Du an diesem Aufnahmetest teilnehmen?

Kanon Wakeshima: Seit ich auf der Musikhochschule war, habe ich Demotapes mit kleinen Stücken aufgenommen, die ich als Hobby komponiert hatte. Eines Tages nach der Schule verteilten einige Leute Werbezettel für diesen Wettbewerb für Leute unter zwanzig. Ich dachte mir "Warum sollte ich ihnen nicht eins meiner Tapes schicken?" Aber ich tat es ohne grosse Überzeugung, denn ich dachte, dass der Wettbewerb manipuliert wird und Leute zwar Demos einschicken, aber niemand sie anhört. Ich dachte auch an Musiker, die grosse Schwierigkeiten haben, Gehör zu finden, und an einen Wettbewerb nach dem anderen teilnehmen, aber niemals in die engere Wahl gezogen werden. Aber als ich dann mein Demotape eingeschickt habe, wurde es angehört und ich hatte gleich beim ersten Mal Erfolg! Und es war mein erster Wettbewerb! Schliesslich erkannte ich, dass mir das durch die Leute ermöglicht wurde, die sich die ganzen Demotapes angehört haben, und war sehr beeindruckt.

Wie geht das Komponieren mit Mana vor sich, da er ja die Musik schreibt und Du die Texte?

Kanon Wakeshima: Mana-sama hat eine starke Bühnenpräsenz und viele Leute denken deshalb, dass er geradezu aggressiv ist, aber als wir zusammen gearbeitet haben, war das überhaupt nicht so. Er war ruhig und gefasst, ein echter Gentleman, der sich ganz auf seine Arbeit konzentriert hat. Ausserdem war er anderen gegenüber sehr aufgeschlossen und es war eine wahre Freude, mit ihm zu arbeiten. Er ist jemand, der sein Ziel bis zum Ende verfolgt, denn wenn er mit einer Melodie begonnen hat, arbeitet er so lange daran, bis er damit zufrieden ist. Er war nicht sehr mitteilsam, während er gearbeitet hat.

Wie haben Deine Eltern Dich dazu gebracht, im Alter von drei Jahren Cello zu spielen?

Kanon Wakeshima: Meine Eltern hatten schon vor meiner Geburt beschlossen, dass ich Cello spielen sollte. Sie hatten von Anfang an geplant, dass ich ein Instrument spielen sollte. Als ich drei Jahre alt war, fanden sie einen Handzettel, der für einen Cellolehrer warb, und riefen ihn an. Das lustige daran war, dass ich damals ja noch sehr klein war, also hatte ich ein Mini-Cello! (lacht)

Wie kam es dazu, dass Du Dich für Barockmusik interessiert hast?

Kanon Wakeshima: Als ich auf der Musikhochschule war, habe ich viele Leute getroffen, die sich sehr für Barockmusik interessiert haben und auch sehr stark als Musiker daran beteiligt waren. Ihre Leidenschaft ging ziemlich weit: einige haben ihre eigenen Insturmente gebaut, weil diese heute nicht mehr existieren! Ich hatte ausserdem die Gelegenheit, einmal im Monat mit meiner Gruppe Barockstücke in einer Kirche zu spielen.

Hast Du Dich schon vor dem Beginn Deiner Karriere für Lolitamode interessiert?

Kanon Wakeshima: Ich kannte die Mode, aber ich habe mich hauptsächlich für den klassischen Gyarustil interessiert, auch wenn ich Gothic Lolita sehr niedlich fand.

Könntest Du Dir vorstellen, mit einem klassischen Orchester auf der Bühne zu stehen? Und es vielleicht auch selbst zu dirigieren?

Kanon Wakeshima: In der Highschool habe ich bei Wettbewerben und Auftritten auch dirigiert, aber ich fand es sehr schwer! (lacht)

Was war Dein erster Eindruck von Frankreich? In Deinem Blog hast Du geschrieben, dass Du gespannt darauf bist, herzukommen. Wie gefällt Dir Paris?

Kanon Wakeshima: (lacht) Es war ein seltsamer Eindruck, denn alles, was ich im Fernsehen oder in Magazinen gesehen hatte, war auf einmal direkt vor meiner Nase! (lacht)

Und ist es so, wie Du es Dir vorgestellt hast?

Kanon Wakeshima: Erstens sind die Museen sehr beeindruckend. Ausserdem ist es selten, so viele alte Gebäude zu sehen. Es ist ganz anders als in Japan, wo es viele hohe und moderne Gebäude gibt. (auf Französisch) Es ist einfach wunderbar!

Was erwartest Du von den beiden Auftritten?

Kanon Wakeshima: Ich hoffe ganz einfach, dass viele Leute kommen werden, um mir zuzuhören.

Auf Deiner zweiten Single, "Suna no oshiro", kann man Dich flüstern hören, was eine ungewisse Atmosphäre schafft. Was für einen Effekt wolltest Du damit erzielen?

Kanon Wakeshima: In diesem Song geht es um Licht und Schatten. Als ich geflüstert habe, waren wir im Dunkeln, also habe ich im Refrain diese Dunkelheit mit einer lauteren Stimme durchschnitten. Dies symbolisiert ein Licht, das aus dem Himmel hervorbricht und die Dunkelheit durchbohrt. Der Song navigiert durch Licht und Schatten und das Licht durchsticht dabei zwei Lagen Dunkelheit.

Nun zu Deinem Album, "Shinshoku Dolce". Hättest Du gedacht, dass Du eines tages nach Europa kommen und eine europäische Version Deiner CD in der Hand halten würdest?

Kanon Wakeshima: Nein, das hätte ich nie gedacht! (lacht)

Der Titel Deines Albums bedeutet so viel wie "süsse Entweihung". Es ist interessant, dass die beiden Worte einander teilweise widersprechen. Warum hast Du diesen Titel gewählt?

Kanon Wakeshima: Er soll den Charakter von Kanon Wakeshima repräsentieren. Dieser Charakter verbindet in einem jungen Mädchen Unschuld und Reinheit mit der Dunkelheit des Gothic. Diese Mischung gibt dem Album seinen Titel weil es diese Entweihung der Unschuld repräsentiert, aber das Wort "süss" zeigt gleichzeitig, dass die Entweihung nicht völlig verboten ist und mildert den Eindruck von Aggression. Der Wiederspruch dieser beiden Worte, die zusammen den Namen und die Stimmung des Albums darstellen, repräsentiert Kanon am besten.

"Ennui Kibun!" unterscheidet sich von den anderen Songs auf dem Album. Er hat eine sehr heitere Melodie und hört sich an, als ob das Telefon klingelt während Du gerade in der Dusche stehst. Kannst Du uns etwas mehr über diesen Song erzählen?

Kanon Wakeshima: Als Mana-sama mir die Melodie gab, zu der ich dann den Text geschrieben habe, habe ich mir eine Geschichte ausgedacht. Angesichts der Heiterkeit der Melodie dachte ich mir, der Song könnte von einer Person handeln, die zwar genervt ist, aber immer noch viele Dinge zu erledigen hat. Und ehrlich gesagt, ich habe selbst Probleme, morgens aufzustehen! (lacht) Ich wollte von einer Person erzählen, der es schwer fällt, aufzuwachen und in die Gänge zu kommen, und bei der dann alles schief läuft: das Telefon klingelt, die Katze kommt rein und nervt sie und so weiter. Die Person ist gelangweilt, deshalb heisst es im Titel des Songs "Ennui" (das französische Wort für "Langeweile").

In einigen Songs, zum Beispiel "L'espoir~Mahou no Akai Ito~", singst Du auch Französisch. Warum Französisch und hast Du den Text selbst geschrieben?

Kanon Wakeshima: Ich habe mein Bestes gegeben! (lacht) Die Melodie des Songs hat mich an französischen Pop erinnert, also habe ich diese Stimme auch in den Lyrics zu Wort kommen lassen. Ich dachte an die Geschichte eines jungen Mädchens in der Grundschule oder Junior Highschool, das nervös wird, als sich Valentinstag nähert, und sich überlegt, wem sie ihre Liebe gestehen könnte. Ich habe also den französischen Klang der Melodie beibehalten, indem ich ein bisschen Französisch gesprochen habe. Ich habe den Text auf Japanisch geschrieben und er wurde dann auf Französisch übersetzt.

Wie hast Du den Text übersetzt? Hat Dir jemand dabei geholfen?

Kanon Wakeshima: Ich habe den Text einem Französischprofessor gegeben, den ich gebeten hatte, mir wärend der Tonaufnahme mit der Aussprache zu helfen.

Also hast Du Französisch gelernt?

Kanon Wakeshima: Oh, ein bisschen auf eigene Faust! (lacht)

Laut Deinem Steckbrief magst Du Künstler wie Eric Satie (der unter anderem für "Gymnopédies" bekannt ist), Claude Debussy (der Werke wie "Clair de Lune", "Nocturnes" und "Estampes" komponiert hat) und Emilie Simon. Wie bist Du auf derart unterschiedliche Künstler aufmerksam geworden?

Kanon Wakeshima: Ich höre ständig Musik und bin vielen verschiedenen Dingen gegenüber aufgeschlossen. So habe ich festgestellt, dass viele der Kompositionen, die mir gefielen, französisch waren! (lacht)

Hast Du eine Botschaft an diejeningen, die Deine Musik in Französisch, Japanisch oder einer anderen Sprache hören?

Kanon Wakeshima: Ich freue mich sehr, dass sie meine Musik hören, und ich hoffe, dass sie das noch lange tun werden. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass auch Leute ausserhalb von Japan meine Musik hören. Wenn meine Musik eine emotionale Reaktion in den Leuten hervorruft, dann macht mich das glücklich. Und mit diesem Gedanken in meinem Kopf will ich weiterhin mein Bestes geben! Im Mai werde ich den ersten Jahrestag meiner professionellen Karriere feiern und obwohl es erst eine kurze Zeit ist, hoffe ich, dass mein erstes Album, in das ich die Summe all meiner Erfahrungen investiert habe, diejenigen die die Güte und Geduld hatten, darauf zu warten, zufriedenstellen wird. Ich möchte auf keinen Fall enttäuschen!

Wie sehen Deine Zukunftspläne aus?

Kanon Wakeshima: Das ist noch nicht klar, aber ich plane ein Konzert in Tokyo.

Lass uns jetzt über Deine Mitwirkung an dem Anime "Vampire Knight" reden. Wie kam das zustande?

Kanon Wakeshima: Zu Anfang hatte ich einen Song, für den ich den Text geschrieben hatte, aber er war nicht für den Anime gemacht worden. Als der Anime dann in Produktion ging, wurde ich gefragt, ob sie den Song eventuell benutzen könnten, und ich war so glücklich darüber! Allerdings wusste ich nichts über "Vampire Knight", also fing ich an, den Manga zu lesen. Ich fand ihn sehr interssant und war entzückt von der Tatsache, dass die Schule, die die Hauptdarsteller besuchen, wie ein Schloss aussieht. Ich wäre selbst gerne auf so eine Schule gegangen! (lacht) Als ich mir dann den Anime anschaute, gefiel mir die zeichnerische Qualität der Produktion, angefangen von den Farben bis hin zu der schönen Landschaft.

Es war sehr rührend, den Abspann mit meinem Song zu sehen. Als dann die zweite Staffel von "Vampire Knight" in Produktion ging, wurde ein anderer Song von mir dafür benutzt. Wie zuvor war es nicht geplant. Genau genommen hat Mana-sama alles hinter den Kulissen vorbereitet, ohne mir zu sagen, dass mein Song für diesen Zweck benutzt würde. Ich war wieder sehr glücklich darüber, dass mein Song für den Anime benutzt wurde, und die Bilder perfekt zu meinen Worten passten.

Es gibt noch etwas anderes, das mir ebenfalls grosse Freude bereitet hat: den zwei Singles und dem Album liegt jeweils eine Zeichnung der Mangaka von "Vampire Knight", Matsuri Hino, bei.

Du hast selbt ein beachtliches zeichnerisches Talent, wie man in der Gallerie auf Deiner Website sehen kann. Planst Du, dieses Talent in einem zukünftigen Videoclip zu verwenden?

Kanon Wakeshima: Meinst Du? Also im Augenblick plane ich nichts dergleichen! (lacht) Allerdings wurden meine Zeichnungen für das CD-Booklet meines Albums verwendet. Du kannst darin meine Katze sehen.

Hast Du in Anbetracht der nächsten beiden Tage eine Botschaft and Deine französischen Fans, die Deine CD hören?

Kanon Wakeshima: Ich habe eine Botschaft, die aus zwei Teilen besteht.

Erstens möchte ich, dass die Leute wissen, welches Glück ich hatte, mit Mana-sama zusammen arbeiten zu dürfen. Durch ihn hatte ich die Möglichkeit, dieses Universum aus Licht und Dunkelheit zu schaffen. Es ist ein Universum, das einen besonderen Reiz für mich besitzt, und ich hoffe, dass es Euch ebenfalls gefällt. Mana-sama hat mit geholfen, zwei unterschiedliche Welten zusammenzubringen, genauer gesagt die des Elektropop und klassischer Cellomusik.

Und zweitens ist das Hauptthema meines Albums nicht Realität. Es ist Flucht vor der Realität mit Geschichten, die traumartig sind, aber nicht unbedingt fantastisch. Ich hoffe, dass sie allen meinen Hörern gefallen werden.

Vielen Dank.

Kanon Wakeshima: Danke ebenfalls.

JaME dankt Kanon Wakeshima und ihrem Team, Sony Music Japan, Grégoire Hellot fürs Übersetzen und dem Team von Wasabi Records (Aurélie und Gaëlle).
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