Moi dix Mois - D+Sect

review - 30.05.2011 14:18

Hat sich das Warten gelohnt?

Künstler: Moi dix Mois
Titel: D+Sect
Typ: Album
Stil: Gothic Metal, Symphonic Metal, Industrial, Rock
Veröffentlichung: 15.12.2010

Track list:
1. In paradisum
2. The Seventh Veil
3. Witchcraft
4. The SECT
5. Divine Place
6. Pendulum
7. The Pact of Silence
8. Ange ~D side holy wings~
9. Agnus Dei
10. Sanctum Regnum
11. Dead Scape
12. Dies Irae
13. Baptisma

Über drei Jahre ist es her seit Moi dix Mois' letzter Langspieler, "Dixanadu", erschien. In der Zwischenzeit widmete sich Bandchef Mana der Arbeit als Freelancekomponist und Produzent für den Mediengiganten Sony, wo er der Sängerin und Cellistin Kanon Wakeshima zu einem vielversprechenden Karrierestart verhalf. Seit 15. Dezember 2010 steht endlich ein frisches Moi dix Mois-Album in den Regalen, zumindest in Japan. Wie vergleicht sich das neue Werk mit seinen Vorgängern? Hat Manas Ausflug in die Welt der Popmusik seine Arbeit mit Moi dix Mois beeinflusst und, wenn ja, in welcher Weise?

Die CD beginnt mit einer kurzen Einleitung: "In Paradisum", bestehend aus Engelschor, Synthesizer und Kirchenorgel, deren feierliche, ominöse Atmosphäre stark an Malice Mizers letztes Album "Bara no seidou" erinnert.

Während man noch in nostalgischen Erinnerungen schwelgt, finden diese mit "The Seventh Veil" ein jähes Ende. Der Song wird von einer dramatischen Blechbläsersalve eröffent, die Mana zufolge von den sieben Trompeten des Jüngsten Gerichts in den Offenbarungen des Johannes inspirert sind. Nach diesem ungewöhnlichen Auftakt setzen Gitarren, Cembalo und wild galloppierendes Schlagzeug ein, die ein halsbrecherisches Tempo erreichen, jedoch immer wieder von ruhigen, melodischen Passagen unterbrochen werden. Die Gitarrenarbeit ist dabei deutlich aktiver als das auf früheren Alben der Fall war. Seths Gesang beginnt mit rauhen Death Grunts, geht aber bald in die vertraute Samtstimme über, die von einem Chor sowie der Sopranistin Kozue Shimizu unterstützt wird.

Etwa auf halbem Weg durch den nicht ganz fünf Minuten langen Song begegnet man dem ersten Gitarrensolo. Bisher setzte Mana bei seinen Kompositionen für Moi dix Mois in erster Linie darauf, aus dem Zusammenspiel aller Instrumente eine dichte, emotional aufwühlende Atmosphäre zu schaffen. Das Zurschaustellen von technischer Brillianz war dabei Nebensache und komplizierte Gitarrensoli, wie man sie beispielweise von Versailles gewohnt ist, waren nicht zu erwarten. Mit "D+Sect" ändert sich diese Strategie plötzlich: die Kompositionen sind ebenso atmosphärisch wie zuvor, sind jedoch zusätzlich mit allerlei Gitarrenspielereien angereichert und definieren damit einen völlig neuen Standard.

Genauso rasant und erfrischend geht es weiter. "Witchcraft" ist eine explosive Mischung aus schweren Gitarrenakkorden und Dancefloor-Elektronik, die von unheilvoll beschwörerischen Synthesizerflächen dominiert wird. Im melodischen Refrain blitzt darüber hinaus ab und an ein Cembalo auf. Passend zu dem elektronischen Charakter des Songs wird Seths Stimme streckenweise künstlich verzerrt. Achtung: Ohrwurmgefahr!

"The SECT" beginnt trügerisch sanft mit einem Chor und Seths melodischen Gesang, der jedoch bald von schweren Zwillingsgitarren unterbrochen wird. Unterstützt durch Streicher, entwickelt sich das zunächst gefällige Stück zu einer monumentalen Gothic Metal-Hymne, deren leidenschaftliche Emotionen sich in gelegentlichen Kreischeinlagen entladen. In der letzten Minute setzt erneut die Sopranistin ein und lässt den Song mit einer melancholischen Note enden.

Danach geht es relativ ruhig weiter. "Divine Place" wird ausnahmsweise von Kozue Shimizu eröffnet, in deren ausgiebige Tremoli sich feierliche Gitarrenakkorde, Kirchenorgel und schliesslich ein verspieltes Cembalo mischen. Beinahe eine volle Minute verstreicht bevor Seth sich dazu gesellt und, untermalt von härteren Gitarrenriffs und noch mehr Orgel, beginnt das Hauptthema zu beschreiben. Nach einer weiteren Sopraneinlage folgt ein wehmütiges Gitarrensolo aus Manas Hand, bevor Seth das Opus seinem dramatischen Höhepunkt zutreibt. Mit beinahe sechs Minuten ist dies der längste Song des Albums.

Das düstere "Pendulum" wird von Regen, Donnergrollen, Kirchenglocken und einer bedrohlich klingenden Orgel eingeläutet, die im Verlauf des Songs mehrmals wiederkehrt und ihm einen unmissverständlich sakralen Charakter verleiht. Mana zufolge ist dieser Song vom Gothic der frühen 80er Jahre inspiriert, was sich in den verzerrten Gitarren, dem ethnischen Schlagzeugrhythmus und der desolaten Atmosphäre wiederspiegelt. Mit seinem emotionalen Refrain, Cembalo, Violine und Engelschor steht er jedoch mit beiden Beinen in der Gegenwart.

Auf das kraftvolle Instrumental "The Pact of Silence", dessen Titel sich auf Manas Überzeugung bezieht, dass man einander auch ohne Worte verstehen kann, folgt mit "Ange ~D side holy wings~" eine gelungene Neuaufnahme des Klassikers "Ange", der erst kürzlich wieder ins Liverepertoire der Band aufgenommen wurde. Die neue Version behält den aggressiven Charakter und die von Cembalo dominierte Instrumentierung des Originals bei, ist darüber hinaus jedoch mit Zwillingsgitarren und Chor angereichert und klingt dadurch einerseits vertraut, andererseits frisch und zeitgemäss. Ausserdem erlaubt das Remake Seth und K, dem aus der frühen Juka-Ära stammenden Song ihren persönlichen Stempel aufzudrücken.

"Agnus Dei" ist eine mittelschnelle Nummer mit einer beinahe heiteren Atmosphäre, deren melodischer Refrain zum Mitsingen einlädt. Gitarre, Engelschor, Cembalo und Orgel sind deutlich zurückgenommen und bilden eine diskrete Begleitung zu Seths Gesang, der hier klar im Mittelpunkt steht. Gegen Ende der ersten Hälfte setzt ein unaufdringliches Gitarrensolo ein zusätzliches Glanzlicht.

Nun kommt es abermals zu einem drastischen Stimmungswechsel. "Sanctum Regnum" ist die 2010er Version von "Dispell Bound": Bei Livekonzerten sollen hierzu von Seth und den Fans die D-I-X-DIX-Furi performt werden. Dafür verströmt das Stück aber eigentlich zu viel Energie. Statt folgsam die Armbewegungen nachzuahmen möchte man zu den kreischenden Gitarrenakkorden lieber wild headbangen. Eine Passage im letzten Viertel wäre im Soundtrack von "Das Omen" nicht fehl am Platz. Plötzlich schweigen bis auf einen ritualistisch skandierenden Chor und ein einsam bimmelndes Altarglöckchen alle Instrumente, dann kehren die kreischenden Gitarren zurück und bringen den Song zu einem energischen Abschluss.

"Dead Scape" beschreibt Halluzinationen, die Mana in einem Fiebertraum erlebte, was sich auch in der Instrumentation wiederspiegelt. Die Einleitung klingt, als befinde man sich tief unter Wasser - ein Soundeffekt, der oft mit hohem Fieber einhergeht. Dann setzen brachiale Gitarrenriffs ein, untermalt von treibenden Bassrhythmen, als ob einem das Blut in den Schläfen pulsiert. Seths Stimme alterniert zwischen heiserem Flüstern, bisher nicht gehörten Metalschreien und melodischem Gesang im Refrain. Ein besonders lebhaftes Gitarrensolo schliesslich setzt dem Track das Sahnehäubchen auf. Alles in allem ein sehr ungewöhnlicher Song und definitiv eine neue Richtung für Moi dix Mois.

Zum Abschluss wird es noch einmal feierlich. Der Titel "Dies Irae", der sich einmal mehr auf das Jüngste Gericht bezieht, ist einer mittelalterlichen Hymne entnommen, die als Teil der katholischen Totenmesse gesungen wurde. Chor und Orgelharmonien, die erneut an "Bara no seidou", erinnern, wechseln sich mit heftigen Zwillingsgitarren und wütendem Schlagzeug ab und steigern sich gemeinsam zu einem dramatischen Refrain. Neben "Dead Scape" leistet Seth hier die beeindruckendste Arbeit.

Das Album endet wie es began: mit einem Instrumental. Passend zum Titel "Baptisma" sind Meeresrauschen und Wellenschlag zu hören, bevor Kirchenorgel und Engelschor das Werk besinnlich ausklingen lassen.

Fazit: Keine Frage, die Arbeit mit Sony hat Mana neues Selbstvertrauen gegeben. Doch wer befürchtet hatte, dass sich dies in poppigeren Songs manifestieren würde, darf erleichtert aufatmen. "D+Sect" ist ein Album voller Kraft und Vitalität, das die Aggression von "Dix Infernal" mit der Komplexität und Reife von "Dixanadu" vereint. Sämtliche Elemente, die den unverwechselbaren Moi dix Mois-Sound ausmachen - Zwillingsgitarren, klassische Instrumente und Elektronik - wurden auf Hochglanz poliert und erstrahlen in einem aufregenden neuen Licht. Die grösste Überraschung ist jedoch die Entwicklung von Manas Spieltechnik hin zu lebhaften Sololäufen, die seine Kompositionen auf ein völlig neues Niveau heben. Nach drei Jahren Pause brauchten Moi dix Mois ein aussergewöhnliches Album, um sich in der zunehmend überfüllten Szene erneut Gehör zu verschaffen. Dieses Ziel haben sie mehr als erreicht.
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