D - Namonaki mori no yumegatari (Regular Edition)

review - 03.12.2012 18:09

Naturkinder

D sind in erster Linie für ihre "Vampire Saga" bekannt, eine komplexe Geschichte um das Gute, das Böse und die menschliche Natur, die in ASAGIs und Ruizas ehemaliger Band Syndrome begann und in dem von D verlegten Magazin "Mad Tea Party" als Fortsetzungsgeschichte erscheint. Ihre Liebe zur Natur und ihr Interesse an Tier- und Umweltschutz ist dagegen weniger gut dokumentiert. Ihr neues Minialbum, "Namonaki mori no yumegatari", ist der Pracht und Schönheit des Waldes gewidmet. Es behandelt eine Reihe von Themen, von Wäldern als Zufluchtsstätte und Ursprung des Lebens bis zu Umweltzerstörung und Sänger ASAGI, der wie immer für die Texte verantwortlich war, verbrachte zwei Tage allein im Wald, um sich auf die Aufgabe vorzubereiten. Wie gelingt es D, diese komplexen Ideen in Musik umzusetzen?

Der Opener des Albums, "Hikari no niwa", ist ein kurzes, zartes Intro mit akustischer Gitarre und einfachem, beinahe naiv wirkendem Gesang, der den Frieden und die kindliche Freude ausdrückt, die man in der freien Natur empfindet. In dem PV, das der "Limited Edition Type A" des Albums beiliegt, wird dies durch einen gehörnten ASAGI versinnbildlicht, der mit einem Blumenkranz in der Hand barfuß zwischen Bäumen wandert und nicht den Jäger bemerkt, der ihn verfolgt, dabei einen Flachmann kippt und achtlos eine Zigarettenkippe auf den Waldboden wirft. Besonders Ruiza glänzt hier mit anmutigen Gitarrenakkorden, die seine Vielseitigkeit zeigen.

Die besinnliche Atmosphäre setzt sich im Titelsong, "Namonaki mori no yumegatari", fort, wird aber jäh von einem Gewehrschuß unterbrochen als der Jäger ASAGI tötet, woraufhin die Natur in der Form von D mit schweren Gitarren und Bass, galloppierendem Schlagzeug und wütend skandierendem Chor einschreitet. Klarer Gesang wechselt sich mit Death Voice und Background Shouts ab, bevor er sich zu einem emotionalen Refrain steigert, der von schnellem Schlagzeug und einer düster pulsierenden Basslinie untermalt wird. Nach einem perlenden Gitarrensolo kehren schwere Riffs und Death Voice zurück und enden schließlich mit einer Explosion von Zimbeln.

"Canis lupus" setzt eine verspielte elektronische Melodie gegen verzerrte Gitarren und tiefe Opernstimme, die sich zu hohem Falsett steigert. Kraftvoller Bass und Percussion kommen dazu und marschieren auf einen erhebenden Refrain zu. Dann ziehen sie sich zugunsten von sanften Streichern und Synthesizer zurück, um in einem erneuten Ansturm aus kreischenden Riffs und tribalistischen Background Shouts zurückzukehren. Ruizas Gitarre flammt zu einem ausgiebigen Solo auf, dann fährt das Wechselspiel fort bis sich sämtliche Elemente, von Background Vocals unterstützt, zu einem bombastischen Finale zusammenfinden. ASAGIs Gesang ist hier besonders ausdrucksstark und der heulende Wolf im Hintergrund setzt einen eigenwilligen Akzent.

Seine Leistung in "Shirarezu kodomotachi" ist nicht weniger beeindruckend. Das Lied beginnt mit zarten E-Gitarrenakkorden und wehmütigen Streichern. Dann setzt ASAGIs tiefer Bariton ein und schraubt sich, untermalt von Piano und Schlagzeug, höher und höher, bis er beinahe vor Gefühl bricht. Wenn dann schließlich Ruizas und HIDE-ZOUs Gitarren und Tsunehitos Bass einstimmen, schlägt der Song in eine leidenschaftliche Powerballade um, die von im Wald verlorenenen Kindern erzählt.

Nun kehren schwerer Rock und Metal mit erneuter Kraft zurück. Selbst für Ds Verhältnisse, die sich nie gescheut haben, neue Grenzen auszuloten, ist "Sankaku oyane to aware na koguma" eine außergewöhnliche Komposition. Death Voice und tribalistische Background Shouts werden von Akkordeon in einen wilden, Tarantella-artigen Tanz geführt. Gitarren, Bass und Schlagzeug gesellen sich dazu und schaffen reinrassigen Folk Metal, der zunächst fröhlich wirkt, jedoch einen bitteren Beigeschmack erhält wenn die Lyrics vom Schicksal von Zirkustieren und ihrer Sehnsucht nach Freiheit erzählen. Nach einem melodischen, zu Furitsuke einladenen Refrain rasen Ruizas und HIDE-ZOUs Gitarren plötzlich davon und weben anstelle des obligatorischen Solos furiose Zwillingsharmonien, während Tsunehitos Bass und HIROKIs Schlagzeug den folkloristischen Rhythmus weiter treiben. Als Death Voice einem weiteren Refrain weicht, bringen Gitarren, Bass und Akkordeon den Song mit einem letzen Spurt von Folk Metal zu Ende.

Avantgarde geht in klassischen Rock über, aber das Tempo bleibt hart und heavy mit "Like a Black Cat ~Mujitsu no tsumi~". Der Song beschreibt eine Hexenjagd aus der Sichtweise des unschuldigen Opfers und krafvolle Gitarren, markerschütternder Bass, klarer Gesang und Orgel - ein Instrument, das mit fahrenden Predigern in Verbindung gebracht wird - ahmen seine Flucht in den Wald mit einem mitreißenden Rhythmus nach, der lediglich von einem kurzen Gitarrensolo unterbrochen wird.

Mit "Haru to utage" wechselt die Atmosphäre erneut von düster und bedrohlich zu heiter und gelassen, als die folkloristischen Elemente mit einem anmutigen Tanz aus Flöte, Schellen und opulentem Synthesizer wiederkehren. Gitarren und Bass verleihen Wärme und Gewicht, halten aber stets mit der Choreographie Schritt, und selbst das Gitarrensolo scheint eine Variation des Tanzmotivs zu sein. ASAGI erreicht beeindruckende Falsettnoten, doch die gesamte letzte Minute des Songs gehört Flöte und Synthesizer, die weiter ihre süße Melodie weben.

D haben sich das Beste nicht nur bis zuletzt, sondern exklusiv für die "Regular Edition" des Mini-Albums aufgehoben. In "Zou to hito to ari to..." tauscht Ruiza seine Gitarre zum ersten Mal seit "Colosseo" gegen eine elektrische Sitar aus und schafft damit eine exotische, von World Music inspirierte Atmosphäre. Klarer Gesang geht in wirbelnde ethnische Harmonien, rhythmisches Klatschen, Glöckchen und opernhaften Hintergrundchor über, dann setzen Gitarren, Bass und Percussion ein und ASAGIs kraftvolles Tremolo erhebt sich über dem dicken Klangteppich wie ein Gebetsruf. Während der Hörer noch von der folkloristischen Stimmung mitgerissen wird, greift ein atemloser, elektronische Rhythmus dazwischen und setzt einen interessanten Kontrast zu der ansonsten warmen, organischen Atmosphäre des Songs. Leider ist "Zou to hito to ari to..." mit 2 Minuten und 27 Sekunden nach "Hikari no niwa" das mit Abstand kürzeste Lied des Albums. Diese erstaunliche Kreation hätte gut und gerne doppelt so lang sein dürfen.

Zum Abschluss bietet "Namonaki mori no yumegatari (Voiceless)" noch die willkommene Möglichkeit, die instrumentale Seite des Titeltracks genauer unter die Lupe zu nehmen.

D haben die Aufgabe, das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zu erforschen, mit der Stilsicherheit und dem handwerklichen Können bewältigt, die das Markenzeichen ihrer Arbeit sind. "Namonaki mori no yumegatari" ist eine wunderschöne Geschichtensammlung, die geschickt folkloristische Elemente benutzt, um eine Nähe zur Natur auszudrücken, die in unserer modernen, industrialisierten Welt zunehmend verloren geht. Wie in "Huang di ~Yami ni umareta mukui~" und ihren anderen von Folklore inspirierten Werken, zeigen sie auch hier einen unfehlbares Talent dafür, traditionelle Instrumente mit ihrem schweren, modernen Gitarrenrock zu verschmelzen, und finden dabei immer neue Wege, um die unterschiedlichen Klänge und Musikstile miteinander zu kombinieren.

Der esotherische Unterton der Musik spiegelt sich auch im Artwork der CD wieder, das zwei Hirsche im Sonnenuntergang zeigt, die von Irrlichtern, einem tief hängenden Mond, Rosen, Schmetterlingen und anderen Tieren umgeben sind. Das schwarze und weiße Fell der Hirsche und ihre gegenüberliegende Position auf dem Cover, sowie das schwarze und weiße Kurvendesign auf der CD selbst und auf der Rückseite der beiliegenden Trading Card, scheinen nicht nur auf den Kontrast von Licht und Dunkelheit hinzuweisen, der in dem mystischen PV angesprochen wird, sondern auch auf das Konzept von Yin-Yang - zwei polar einander entgegengesetzten und dennoch aufeinander bezogenen Kräften.

Philosophische Überlegungen beiseite: Das Mini-Album bietet großzügige 30 Minuten Hörvergnügen und spricht ein breites Publikum an; Liebhaber von Folk und Pagan Metal finden viel Gelegenheit zum Headbagen und Tanzbein schwingen, während Fans von klassischem Rock an den gradlinigeren Kompositionen Gefallen finden werden. Egal welchem Lager man sich zugehörig fühlt, "Namonaki mori no yumegatari" ist ein starker Anwärter für das Album des Jahres.
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